Ein Blutstropfen reicht für Boss

Zu Gewalt neigende Rechtsbrecher fürchten Polizeihunde mehr als Polizisten. Davon sind die Beamten überzeugt und bilden die Vierbeiner aus.
27.07.2011, von Julie Diegel, Leonardo-da-Vinci-Gymnasium, Berlin

Das etwa 5000 Quadratmeter große Gelände der Polizeidiensthundeschule Klinken in Mecklenburg-Vorpommern liegt in einem Waldstück an einem kleinen Weiher und ist von einem Zaun umgeben. Warnschilder mit der Aufschrift „Vorsicht! Freilaufende Diensthunde!“ sind nicht zu übersehen. Polizeihauptkommissar (PHK) Christof Berensmann, Ausbilder und stellvertretender Leiter der Diensthundeschule, ist seit 1986 Hundeführer. Er hält den Einsatz von Hunden im Polizeidienst für unverzichtbar, weil sie den Menschen in vielen Dingen überlegen sind. Wegen ihres besonders ausgeprägten Geruchssinns, ihres feinen Gehörs, ihrer Wehrhaftigkeit, Wendigkeit, Schnelligkeit und Reaktionsfähigkeit seien Diensthunde besonders für Schutzaufgaben zu gebrauchen. Die Erfahrung zeige, dass zu Gewalttaten neigende Rechtsbrecher den Diensthund in der Regel mehr fürchten als die Waffen der Sicherheitskräfte.

Stoffe, die ein Mensch niemals wahrnehmen würde

Der Diensthund hat aber noch eine weitere wichtige Aufgabe zu erfüllen. Jeder Diensthund wird, wenn er die Ausbildung als Schutzhund erfolgreich absolviert hat, zusätzlich zu einem Spürhund ausgebildet. Mit ihrer Spürnase können Hunde Geruchsstoffe erschnüffeln, die ein Mensch niemals wahrnehmen könnte. Deshalb eignet sich der ausgebildete Diensthund besonders gut zum Aufspüren von Rauschgift und Sprengstoff, aber auch als Fährtensucher bei der Verfolgung von Verbrechern oder der Suche nach Vermissten.

Christof Berensmann hat seinen drei Jahre alten Diensthund Boss, einen Belgischen Malinois, „ins Platz“ gelegt. Das Hinlegen des Hundes ist ein fester Bestandteil der Einsatzvorbereitung. Boss ist jetzt besonders wachsam, da er weiß, dass gleich etwas Aufregendes passieren wird. Christof Berensmann läuft in eine offen stehende Garage und tut so, als ob er das Spielzeug von Boss verstecken würde. Aufmerksam wird er dabei von Boss beobachtet, der aus Erfahrung weiß, was von ihm erwartet wird. Diesmal ist es ein Blutstropfen, den er suchen und anzeigen soll. Hoch motiviert und konzentriert arbeitet Boss die Garage ab. Es dauert nicht lange, bis der Diensthund für einen alten Reifen besonderes Interesse zeigt. Auf einmal stellt Boss die Suche ein und erstarrt förmlich. Die Fachleute sagen dazu : „Der Hund friert ein.“ PHK Christof Berensmann gibt das Zeichen für „Mein Hund zeigt an“. Dort muss die Stelle mit dem Blutstropfen sein. Und tatsächlich, ein kurzes Nicken eines Kollegen bestätigt den Fund.

Auch ein Diensthund will bezahlt werden

Zur Belohnung für seine Arbeit und als Bestätigung bekommt der Hund jetzt sein Spielzeug, einen Ball an einer Kordel, an der Herr und Hund eine Weile ausgelassen herumzotteln. Denn auch ein Diensthund will bezahlt werden. „Nur wenn er weiß, dass nach der Arbeit ein Spiel folgt, arbeitet er mit vollem Einsatz“, schmunzelt der Hundeführer. Ein gutes Verhältnis und enger Kontakt zwischen Diensthundeführer und Diensthund sind notwendige Voraussetzungen für dessen erfolgreichen Einsatz. Deshalb wird Boss auch nicht in einem Zwinger gehalten, sondern lebt im Haushalt der Familie Berensmann.

Die Ausbildung zum Spürhund dauert in der Regel zehn Wochen. Dann sind die zu suchenden Geruchsstoffe beim Hund konditioniert, und er hat gelernt, in verschiedensten nachgestellten Einsatzsituationen danach zu suchen und diese anzuzeigen. Es gibt aber einen noch größeren Spezialisten unter den Diensthunden, den sogenannten Personenspürhund.

Polizeihauptmeister Pedro Sennewald ist zuständig für die Aus- und Fortbildung von speziellen Personenspürhunden, auch Mantrailer genannt. „Genauso einzigartig wie der Fingerabdruck ist auch der Geruch eines Menschen“, erklärt Pedro Sennewald. Der Mantrailer muss lernen, den Geruch einer Person aufzunehmen und zu verfolgen. Er muss in der Lage sein, diesen Geruch trotz unzähliger Überlagerungen durch andere Gerüche herauszufiltern. Seine Ausbildung ist daher besonders schwierig. Sie beginnt schon beim Welpen im Alter von drei Monaten und dauert bis zu zwei Jahren. Mantrailer erhalten keine Ausbildung zum Schutzhund, da hier ausschließlich auf den ausgeprägten Geruchssinn und das angeborene Suchverhalten einer Hunderasse geachtet wird. Zum Mantrailer eignen sich besonders Jagdhunde, wie der Hannoversche Schweißhund, der Bloodhound und der Bayerische Gebirgsschweißhund, Rassen, die sich auch durch eine außerordentliche Konzentrationsfähigkeit und eine ausdauernde Suchbereitschaft auszeichnen.

Kein technisches Gerät hält da mit

Vor allem bei der Suche nach älteren Menschen, die sich verirrt haben und nicht mehr den Weg nach Hause finden, leistet der Personenspürhund wertvolle Dienste. So manchen hat der „Detektiv“ unter den Polizeihunden schon vor einer Nacht im Freien bewahrt. Aber auch bei der Strafverfolgung kann der Personenspürhund wertvolle Dienste leisten, die zur Aufklärung entscheidend beitragen können. Denn Fingerabdrücke kann man zwar abwischen oder durch das Tragen von Handschuhen verhindern, aber den persönlichen Geruch kann man nicht vom Tatort entfernen.

Es gilt, den Individualgeruch auf einem Gegenstand der zu suchenden Person zu sichern, indem man diesen, wenn möglich, in einen verschließbaren Kunststoffbeutel steckt, um ihn somit zu konservieren. Vor der Suche lässt man den Hund an diesem Gegenstand riechen, was man einen Geruchsvorhalt nennt. „Die Nase des Diensthundes hat ein überragendes Leistungsvermögen, das heutzutage durch kein technisches Gerät zu ersetzen und somit unverzichtbar ist“, darüber sind sich Berensmann und Sennewald einig. Boss hat noch viele spannende Einsätze vor sich, bis er eines Tages bei Christof Berensmann seinen Ruhestand genießen kann.

Quelle: Frankfurter Allgemeine